Das Ensemble La Ziriola brachte mittelalterlichen „Zauber der Rauhnächte“ auf’s Schloss Weesenstein.

Keine Frage: Auch an milden Wintertagen trocknet Bettwäsche am besten draußen auf der Leine. Dennoch sei in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag recht herzlich davon abzuraten: Wer in dieser Phase der Rauhnächte sein Laken hinters Haus hängt, läuft Gefahr, dass böse Kobolde es mopsen, mitnehmen, zum Leichentuch umarbeiten und zurückkehren, um unvorsichtige Wäscher darin zunächst einzunähen, dann zu entsorgen.

So weit nur eine von vielen Legenden um die zwölf heiligen Nächte, die jahrhundertelang zwischen heidnischen und christlichen Traditionen dunkle Blüten trieben und in vielen Kulturkreisen ausgiebigst besungen wurden. Nicht verkehrt, sich manchmal an dergleichen zu erinnern. Und wenn das so zauberhaft klingt wie in der Musik des Ensembles La Ziriola, wird der leise Schauer zum Hochgenuss.

Zu viert waren sie am Sonntag in die Weesensteiner Schlosskapelle gekommen mit ihrem Programm um die „Zauber der Rauhnächte“ aus Liedern, die zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert entstanden in Regionen, die heute England heißen, Deutschland, Frankreich, Italien, Serbien, Georgien: Susanne Ansorg an Fiedel und Rebec, Lautist Kay Krause, Sänger Robert Weinkauf und Multiinstrumenteur Peter Rabanser.


Hinreißende Interpretationen

Leicht hatten sie es nicht mit ihrem empfindlichen Holzgerät in der schlotterkalten Kapelle. Aber auch die kleinen Nachstimm-Intervalle füllten die Ziriolas mit jenem Charme und Humor, der ihre Erklärungen zwischen den Liedern niemals belehrend klingen ließ. Drei der vier sind Mitglieder des Leipziger Ensembles Ioculatores. Wer eines von deren früheren Weesenstein-Gastspielen erlebt hatte, ahnte ungefähr, was ihn erwartete: Sehr sensible, höchst respektvolle und musikalisch hinreißende Interpretationen alter „Songs“ vom sizilianischen Weihnachtslied bis zur spanischen „Cantiga de Santa Maria“, ein ungewöhnliches Konzert zwischen leiser Besinnung und lauter Begeisterung.

So pendelte sich dieser Adventsnachmittag schwungvoll ein und aus zwischen äußerem Bibbern und innerer Seelenwärme, die ein wenig darüber hinwegtröstete, dass selbst die rachitische Kirchenbankheizung nach der Hälfte des Konzertes abgeschaltet wurde.

Und wer jetzt nach Weihnachten noch Laken raushängt, ist selber schuld.


Oliver Reinhard, Sächsische Zeitung, 16. Dezember 2008


Wenn böse Kobolde an die Wäsche gehen

Zwei Abenteurer und Weltverbesserer

Ensemble La Ziriola begeistert bei den Haller Sackpfeifertagen

Um Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein, "die Giganten des deutschen Minnesangs", "die Ikonen des Mittelalters", wie das Ensemble La Ziriola sagt, ging es im Hauptkonzert der Haller Sackpfeifertage am Samstag. La Ziriola musizierte und fabulierte in der sehr gut besuchten Katharinenkirche.

Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein sind im Konzert quasi persönlich vertreten: Robert Weinkauf spielt den Walther, und Peter Rabanser gibt den Oswald. Ganz unmittelalterlich haben sie diese Namen in Goldlettern auf ihren T-Shirts stehen.

Sie singen und berichten aus dem Leben der Dichter, Sänger, Politiker, Abenteurer und Weltverbesserer, und sie konstruieren unterhaltsame Konkurrenzsituationen, die es im wahren Leben nie gab, weil Walther und Oswald gar nicht gleichzeitig lebten.

So ist das Konzert kurzweilig und informativ, aber es ist vor allem auch musikalisch ausgezeichnet gelungen. Gleich zu Beginn spielen Dudelsack (Peter Rabanser) und Fidel (Susanne Ansorg) so perfekt zusammen, dass sie im
Klangbild kaum zu unterscheiden sind. Alle vier Musiker schaffen mit ihren Stimmen und Instrumenten eine wunderbare Atmosphäre. Man fühlt die Lieder, auch wenn die Texte wegen der mittelhochdeutschen Sprache Walthers und erst recht wegen des polyglotten Sprachgewirrs Oswalds, der in einem der Lieder mindestens sieben Sprachen verwandte, schwer verständlich sind.

Robert Weinkauf ist ein versierter Sänger. Mit seiner weichen, geschmeidigen Tenorstimme gibt er zum Beispiel das Marienlied "Es leucht durch graw die vein lasur" sehr ansprechend wieder. Das selbe sehnsuchtsvolle Lied, diesmal
mit deftigerem Text an Oswald von Wolkensteins Ehefrau gerichtet, singt Peter Rabanser mit gewollt grober Tongebung. Bei "A virgen mui gloriosa" begleitet Rabanser sich selbst sehr gekonnt auf der Laute.


Alle Mitglieder des Ensembles La Ziriola sind Multiinstrumentalisten. Sie spielen große Tamburine oder auch ganz kleine Perkussionsinstrumentchen, die nur ein leises Klicken von sich geben, Lauten, Flöten, Dudelsack und Maultrommel. Wunderbar gelingt auch das Duett "Ich spür ain tyer mit füssen breit", in dem Oswald von Wolkenstein seine Todesangst verarbeitet.


Monika Everling, Mittwoch 06.02.2008

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Walther vs. Oswald

20. Montalbâne-Festival, Juni 2010

Eine ungewöhnliche Begegnung war zu verzeichnen: In einem erstaunlichen Sängerkrieg, kenntnisreich moderiert von Neuen-Burgherr Jörg Peukert, ließ das Ensemble La Ziriola Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein aufeinander treffen. Für einen spannenden Nachmittag ließ das vierköpfige Ensemble das Publikum die zwei Jahrhunderte vergessen, die zwischen den zwei eigensinnigen und unkonventionellen Sängern liegen. Beide vielgereist und welterfahren, immer auch mal mit der Obrigkeit in Konflikt, beide Meister der Sprache und des Sanges! Nun durften sie auf der Bühne die Kräfte miteinander messen.


Robert Weinkauf, stimmlich stärker als je zuvor, zeigte Walther als sensiblen Feingeist, der aber auch eine harte Klinge zu fechten weiß. Dem gegenüber stand mit Peter Rabansers Oswald ein vor Selbstbewusstsein platzender Haudegen, der zudem mit mediterranen Gesangstechniken stimmgewaltig auftrumpfen konnte. Zur Begleitung standen Kay Krause (Laute) und Susanne Ansorg (Fidel) bereit, die ihr bei den Ioculatores erprobtes Zusammenspiel noch einmal verfeinert haben und eine in Timing und Spielfantasie grandios aufeinander abgestimmte Darbietung ablieferten.


Weinkaufs Walther hatte seine Sternstunde mit der dreiteiligen Elegie "Owê war sint verswunden alliu miniu jâr", die im Trier-Alsfelder Ton dargeboten wurde. Weinkauf, der Walthers Lebensrückblick und Altersklage im ersten Teil zurückhaltend sang, im zweiten Teil in zorniger Deklamation die Torheiten der Jugend geißelte, um im dritten Teil im lautstarken Gesang zur auftrumpfenden Begleitung emphatisch die Rückbesinnung auf christliche Tugend einzufordern, zeigte in seiner Interpretation auf erstaunliche Weise, welche Kraft in dieser doch eher schlichten musikalischen Formel steckt.

Während der Walther so fast zum Propheten des Überirdischen wurde, ließ Oswald das Irdisch-Lustvolle fröhliche Triumphe feiern. Wenn er genussvoll und doch voll Poesie und Sprachspielerei die Momente schildert, in denen er mit seiner Liebsten das Bettlein zum Krachen bringt, dann muss man ihn einfach ganz tief ins Herz schließen.


Wer also ist der Sieger des Zweikampfes? Ein klarer Fall von Unentschieden: So tat es richtig gut, beide gemeinsam in Oswalds Hymne "Do frayg Amors" zu erleben, in der sich die Sprachen seiner Zeit zu einem vergnüglichen, völkerverbindenden Kauderwelsch mischten. 


Dr. Lothar Jahn,  www.minnesang.com, 22. Juni 2010